Risolier 8. November 2013 von

Alles gut?

Eine Existenz zu gründen, also ein Existenzgründer zu sein, bedarf einer gehörigen Portion Mut und Risikobereitschaft, denn nicht jedes Vorhaben wird von Erfolg gekrönt sein. Die Gradwanderung zwischen Glück und Unglück, zwischen Hoch und Tief ist schmal. Täglich sind Entscheidungen zu treffen, die das Fortkommen des Unternehmens radikal beeinflussen, die – ja noch viel mehr – ein Gleichgewicht in eine Extremsituation verwandeln könnten. Der Existenzgründer muss sich daher an bestimmten Punkten nicht nur um sein Unternehmen, sondern auch um seine Existenz Gedanken machen.

Sein oder Haben?
Sein oder Haben?

Erich Fromm unterscheidet in seinem gleichnamigen Buch zwischen „Haben oder Sein“ „In der Existenzweise des Habens ist die Beziehung zur Welt die des Besitzergreifens und Besitzens. (…) In der Existenzweise des Seins wird das Gegenteil von „Schein“ erfasst – die wahre Wirklichkeit, wie wahre Natur eines Menschen.“ Ebenso wie Fromm beschreibt, so wird auch der Gründer mit der Polarität zwischen dem Sein („Tue ich das, was meinem Ich, meinem Selbst entspricht“) und dem Haben („Bin ich mit meinem Tun erfolgreich. Häufe ich genug Besitz an.“) konfrontiert.
Geradezu täglich muss er Bilanz legen – vor Investoren, Journalisten, Mitarbeitern, Freunden, und sich dabei dieser Polarität zwischen Sein und Haben stellen sowie den Maßstab für den eigenen Erfolg setzen. Das scheinbar harmlose „Wie geht´s denn beruflich“ erlangt dadurch eine Komplexität, die der unbedarft Fragende wohl kaum zu vermuten wagt. Da meist keine umfassende Situationsanalyse erwartet wird, ist ein mageres „Alles gut….“ die perfekte Antwort. Egal, wie der Status Quo tatsächlich aussieht, der Fragende wird sich immer an einer positiven Antwort, die zur Erfolgsstory passt, erfreuen.
Denn der Erfolg ist jederzeit gerne willkommen, während dessen Schattenseite, das Scheitern, ein gesellschaftliches Tabu darstellt.
Der dritte Geburtstag von Lotao, der vor wenigen Tagen stattgefunden hat, ist für mich persönlich ein großer Erfolg und vielleicht ist mir gerade deswegen die Beschäftigung mit der Kehrseite dieses Themas so wichtig: Kaum jemand möchte sich mit dem Scheitern auseinandersetzen, zumindest war dies meine bisherige Erfahrung in den Gesprächen mit anderen Gründern.
Vergleicht man das Scheitern mit dem Tabu-Thema „Tod“, so findet man einen spannenden Unterschied: Es gibt Menschen, die den Tod freiwillig wählen, sich dafür entscheiden. Beim Scheitern ist dies nicht gegeben, da das Scheitern als qualvolle Erfahrung gesehen wird und daher kaum mit voller Absicht erfolgt.
In der gesellschaftlichen Erfolgsdynamik ist es nicht verwunderlich, dass die Gescheiterten völlig unsichtbar sind und erst dann wieder sichtbar werden, wenn ihnen Erfolgt beschert wird. „Er war ganz unten, und ist nun wieder ganz oben“. Das Scheitern wird damit nur im Zusammenhang mit einer Erfolgs-Story sichtbar. Das Stillschweigen des Themas Scheitern ist umso beachtlicher, als dass die Altersarmut in Deutschland unter den selbständigen Unternehmern am größten ist (Quelle: K.G., 2013) – dh. einer Vielzahl von Gründern bleibt das erneute (wirtschaftliche) „ganz oben“ leider verwehrt.
Doch wer entscheidet, wo „oben“ ist? Wer definiert den Mißerfolg oder das Scheitern? Letztendlich ist der Blickwinkel das Entscheidende, von dem aus wir uns dem Thema nähern: In der Welt das „Habens“ laut Erich Fromm entspricht dem Scheitern die leere Kasse, in der Welt des „Seins“ der Selbstbetrug, die Selbstlüge. Oder anders formuliert:
Ist es ein Scheitern, wenn ich meine Freunde, mein soziales Leben vernachlässige? Scheitere ich, wenn meine Bauern ihre Ernte nicht verkaufen können? Oder ist doch der Kontostand der Maßstab der Dinge?
Egal, welche Betrachtungsweise gewählt wird – eines ist klar: Das Todschweigen und Nicht-Reflektieren des Scheiterns beraubt uns um eine wertvolle Erfahrung und versperrt uns vielleicht auch die Sicht auf andere, neue Optionen im Leben.

Zum dritten Geburtstag von Lotao möchte ich mich mit diesen persönlichen Gedanken vor allen an jene wenden, die an der Verwirklichung ihrer Vision arbeiten und die die Dialektik von Haben und Sein reflektieren möchten.  Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn Sie mir Ihre Rückmeldung zu dem Thema schicken, selbst wenn es nur ein schlichtes „Alles gut…“ sein sollte 😉

Ihr Risolier Stefan Fak

One Reply to “Alles gut?”

  1. Lieber Stefan,

    I’m just thinking out loud here, wie wir im Englischen sagen: man muss ja kein Anthropologe sein, um zu verstehen, dass uns Menschen das “Haben” (z.B. von Nahrung, Waffen, Geld, Wissen, Recht) seit Ewigkeiten beim Ueberleben sehr geholfen hat. Deswegen hat uns die Evolution wohl so sehr darauf fixiert. Aehnlich geht es uns ja auch mit unseren Gedanken, die staendig, ob wir es wollen oder nicht, kreisen, vorhersagen, planen, und uns damit ebenfalls beim Ueberleben geholfen haben und auch immer noch helfen.

    Die Downside ist, dass wir dabei oft wie Zombies oder Automaten handeln, so ausgepraegt ist unsere Obsession mit dem Haben, Denken, etc.

    Doch zum Glueck scheint es ja ebenfalls zur menschlichen Befindlichkeit zu gehoeren, dass wir die Faehigkeit entwickeln koennen, unser Sein bewusster wahrzunehmen. Mir hilft dabei vor allem Mindfulness-Meditation. Fuer mich persoenlich eine der besten Entdeckungen meines Lebens.

    Gespraeche ueber das Sein bringen mir weit mehr, als immer nur ueber das Haben zu reden. Auch deswegen also ganz herzlichen Dank fuer Deinen aussergewoehnlichen Blog-Post!

    Marc
    Miami

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