Es gibt Zutaten, die die Welt verändern. Reis ist eine davon. Kein anderes Getreide ernährt so viele Menschen, prägt so viele Kulturen und hat so viele Landschaften geformt wie dieser kleine, unscheinbare Samen. Für mich als leidenschaftlicher Risotto-Koch ist Reis längst mehr als nur eine Beilage – er ist eine Philosophie. Und wer das wirklich verstehen möchte, muss reisen. Nicht irgendwo hin, sondern dorthin, wo Reis lebt, atmet und zelebriert wird.
Hier sind meine fünf liebsten Reiseziele für alle, die dem Reiskorn auf der Spur sind.
1. Lomellina & Vercelli, Italien – Wo der Risotto-Reis wächst
Wer ein echtes Risotto kochen will, sollte zumindest einmal durch die Reisfelder der Poebene gefahren sein. Die Provinzen Vercelli und Lomellina in der Lombardei und im Piemont sind das Herz des europäischen Reisanbaus. Im Sommer stehen hier endlose, spiegelglatte Felder unter Wasser – eine fast unwirkliche Landschaft, die an Südostasien erinnert und doch mitten in Europa liegt.
Jedes Jahr im Oktober verwandelt sich die Region in ein Fest. Die Fiera del Riso in Isola della Scala (in der Nähe von Verona, ebenfalls eine bedeutende Reisregion) zieht tausende Besucher an – mit Risotto-Wettkochen, Reisverkostungen und Besichtigungen der alten Reismühlen. In Vercelli selbst lohnt ein Besuch des Museo del Risotto und der lokalen Sagra-Feste, bei denen man erlebt, wie Carnaroli und Arborio von der Ähre direkt in den Topf kommen.
Mein Tipp: Besucht eine der kleinen Aziende Agricole, die ihren Reis noch traditionell anbauen und direkt verkaufen. Ein Kilo Carnaroli, frisch aus der Mühle, schlägt jeden Supermarkt-Reis um Welten.
2. Bali, Indonesien – Die Reisterrassen von Jatiluwih (UNESCO-Weltkulturerbe)
Seit 2012 stehen die balinesischen Reisterrassen auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes – und das absolut zurecht. Die Terrassen von Jatiluwih im Hochland Balis sind nicht nur landwirtschaftlich beeindruckend, sie sind Ausdruck einer jahrtausendealten spirituellen Praxis: dem Subak-System, einem gemeinschaftlichen Bewässerungssystem, das auf hinduistischen Prinzipien basiert und Mensch, Natur und Götter in Einklang bringt.
Hier ist Reis kein Lebensmittel – er ist heilig. Dewi Sri, die Reisgöttin, wird auf Bali noch heute verehrt. Vor jeder Reispflanzung und Ernte finden Zeremonien statt. Kleine Reisopfer schmücken die Straßen und Tempel.
Wer nach Jatiluwih kommt, sollte sich Zeit nehmen: für einen langen Spaziergang entlang der Terrassen im Morgenlicht, für ein Gespräch mit den Reisbauern und für ein Mittagessen in einem der kleinen Warung-Restaurants mit Blick auf die grünen Stufen. Lokaler Schwarzreis mit Kokosmilch zum Frühstück – das ist Bali, wie es sein soll.
3. Kyoto & Niigata, Japan – Japans Reiskultur in ihrer reinsten Form
Japan und Reis – das ist eine Liebesgeschichte, die Jahrtausende alt ist. Kein Land der Welt nimmt die Qualität seines Reises so ernst wie Japan. Die Präfektur Niigata gilt als das Mekka des japanischen Reises: Koshihikari aus Niigata ist der begehrteste Tafelreis des Landes, und die Bauern dort sind stolz auf jeden einzelnen Halm.
In Kyoto lässt sich die kulturelle Dimension des Reises erleben: im Fushimi Inari-Taisha, wo Reis und Sake seit Jahrhunderten geopfert werden, oder beim traditionellen Kaiseki-Menü, in dem der Reis immer als letzter Gang serviert wird – als stiller Höhepunkt des Mahls. Sake-Brauereien in der Region Nishiki bieten zudem faszinierende Einblicke, wie aus Reis eines der komplexesten alkoholischen Getränke der Welt entsteht.
Herbst ist die beste Reisezeit: Dann verwandeln sich die Reisfelder in goldene Teppiche, und in Niigata finden Erntedankfeste statt, bei denen man frisch geernteten Shinmai-Reis kosten darf – ein Erlebnis, das man nicht vergisst.
4. Ifugao, Philippinen – Die Reisterrassen von Banaue
Über 2.000 Jahre alt, von Menschenhand in die Berge gemeißelt und bis heute aktiv bewirtschaftet: Die Reisterrassen der Ifugao in den Cordillera-Bergen auf den Philippinen gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe und werden oft als das „Achte Weltwunder“ bezeichnet. Mit einer Gesamtlänge von angeblich mehr als 20.000 Kilometern sind sie eines der beeindruckendsten landwirtschaftlichen Bauwerke der Menschheitsgeschichte.
Die Terrassen rund um Banaue und Batad sind noch immer in Betrieb. Das indigene Volk der Ifugao pflegt hier jahrhundertealte Traditionen: eigene Reissorten, die nur in dieser Region wachsen, rituelle Gesänge zur Aussaat und Ernte, und ein Wissen über Wasserführung und Bodenbearbeitung, das keine Universität lehrt.
Eine Wanderung durch die Terrassen mit einem lokalen Guide ist ein unvergessliches Erlebnis – und ein stilles Plädoyer dafür, wie viel Wissen und Würde in einer einzigen Pflanze stecken können.
5. Valencia, Spanien – Die Heimat der Paella
Kein Blog über kulinarische Reis-Reisen wäre vollständig ohne Valencia. Die spanische Mittelmeerstadt ist die Geburtsstätte der Paella – und die Valencianer nehmen das sehr ernst. Hier wird Paella nicht mit Meeresfrüchten gemacht (das ist für viele Einheimische eine Beleidigung), sondern mit Huhn, Kaninchen, grünen Bohnen und – ganz wichtig – dem richtigen Reis: Arroz Bomba aus der nahegelegenen Region Albufera.
Der Parc Natural de l’Albufera, eine Lagune südlich von Valencia, ist das Reisfeld-Herz Spaniens. Eine Bootsfahrt durch die Lagune bei Sonnenuntergang, gefolgt von einer echten Paella valenciana in einem der traditionellen Restaurants am Seeufer – das ist kulinarische Reise in ihrer schönsten Form.
Im März findet in Valencia zudem das Feuerfest Las Fallas statt, bei dem riesige Festmahle mit Paella auf den Straßen zubereitet werden. Wer einmal gesehen hat, wie ein Valencianer für hundert Menschen gleichzeitig kocht, versteht, warum Reis verbindet.
Reis ist mehr als eine Zutat
Was mich bei all diesen Reisen immer wieder trifft: Überall, wo Reis wächst, entsteht Gemeinschaft. Ob auf Bali, in den Bergen der Philippinen oder in den Feldern der Poebene – Reis ist ein sozialer Kitt. Er wird gemeinsam gepflanzt, gemeinsam geerntet, gemeinsam gegessen.
Genau das ist es, was ich mit Risolier ausdrücken will: Risotto ist kein schnelles Essen. Es braucht Zeit, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, dabei zu bleiben. Es verbindet Menschen am Herd, genauso wie Reis überall auf der Welt Menschen verbindet.
Also packt den Koffer. Und vielleicht einen Kilo Carnaroli in den Rucksack.
Buon viaggio – und guten Appetit.

